Einen Moment bitte...

Raum für Gedanken in Wort und Bild

 

 

 

 

Der Geist der Weihnacht... oder doch die Geister, die ich rief?

 

Oft ist in diesen letzten Tagen vor Weihnachten von Begriffen wie "Endspurt", "Geschenke-Marathon" oder von Ausrufen wie "Durchhalten! Bald ist es geschafft!" die Rede.

Und als wenn wir nicht sonst schon genug durch unser Leben hetzen, geben viele von uns nun nochmal so richtig Vollgas beim Abarbeiten der nicht enden wollenden To-Do-Liste. Wie jedes Jahr.

In den Medien, aber auch im privaten Umfeld suggerieren sorgfältig ausgesuchte Szenarien den "worst case" am Heiligen Abend. Prompt folgen Tipps und Tricks, wie wir „möglichst heil aus der Sache rauskommen“...

Aus welcher Sache eigentlich?

Jetzt, wo die Natur sich auf ihren wohl verdienten Winterschlaf vorbereitet und uns Menschen dazu einlädt, mehr Licht ins Dunkle zu bringen. Gerade jetzt sollten wir unseren Rhythmus der Jahreszeit anpassen und langsamer werden. Mit unseren Kräften haushalten und nicht mehr „alles geben“.

Wir sollten versuchen, möglichst tief einzutauchen in unsere natürliche Sehnsucht nach Stille, Ruhe und Geborgenheit. Wir sollten uns hingeben. In diese Sache eben. Um möglichst heil und mit neuer Energie irgendwann den nächsten Schritt zu machen. Gerade jetzt ist Zeit für die kleinsten Sprünge. Hinein in den Moment. Oft genügt schon ein kurzes Innehalten im Trubel des Alltags, um uns und das Leben wieder spüren zu können. Vielleicht fangen wir an, solche Pausen zu genießen, unsere Bedürfnisse wahrzunehmen und andere Prioritäten zu setzen. Nicht als Option für weitere neue Vorsätze – sondern als Option für den Augenblick. Sind es nicht selten unsere überhöhten Ansprüche und überhörten Wünsche, die uns leiden und in Stress geraten lassen?

Anscheinend sind wir Jahr für Jahr bereit, einen hohen Preis zu zahlen, um „möglichst heil aus der Sache rauszukommen“… und das nicht nur in materieller Hinsicht.

Und wieder: Aus welcher Sache eigentlich?

Es sind unsere eigenen Gedanken, es ist unser Geist, der uns entführt, dem wir kurz vor Weihnachten scheinbar schlaftrunken das Kommando überlassen. Selbst dann, wenn wir keine trainierten Marathon-Läufer sind. Im Ziel angekommen machen wir schlapp und wundern uns, wenn das „worst case-Szenario“ bittere Wirklichkeit wird.

 

Wie lange geht das gut? Und ist das der Geist der Weihnacht? Oder sind es vielleicht doch eher die Geister, die wir riefen?

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen mehr Klarheit. Nicht nur für die verbleibenden Tage in diesem Jahr. Klarheit vor allem darüber, worauf Sie Ihre Aufmerksamkeit lenken möchten. Um herauszufinden, was wirklich wichtig ist.

 

Und schließlich noch ein Tipp von mir, wie Sie möglichst heil in die Sache rein- und deutlich besser vorankommen:

Wenn mal wieder von „Endspurt“ und "Bald ist es geschafft!" die Rede ist, dann halten Sie bewusst inne und machen Sie beherzt einen Schritt zurück. So nehmen Sie eine andere Sichtweise ein. Eine, die es Ihnen ermöglicht, die eigenen Geister wahrzunehmen und selbst zu entscheiden, ob Sie diesen folgen möchten oder nicht.

 

Und dann lassen Sie sich verzaubern vom Geist der Weihnacht.     

                                                                                                                                                                                                 ( Ruth Plege, im Advent 2019)

 

 

 

 

 

 

Wahrer Reichtum liegt nicht in den Dingen, die ich besitze –

sondern in Momenten, die mein Herz berühren.

(Roswitha Bloch)

 

 

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Jetzt ist die Zeit für Achtsamkeit! - ein Plädoyer für mehr Sinn und (Mit-)Menschlichkeit in unserem Leben

 von Ruth Plege

 

Wegen des bestehenden Ungleichgewichts in der Verteilung und Qualität unserer Aufmerksamkeit im Alltag sind wir Menschen von dem Verlust unserer Fähigkeit zur Introspektion bedroht – eine besorgniserregende Perspektive sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft:

Denn wenn wir es nicht schaffen, dem hektischen Treiben unserer überwiegend materiell orientierten Außen-Welt (d. h. unserem permanenten Streben nach wirtschaftlichem Wachstum und Gewinnmaximierung) rechtzeitig ausgleichende Erfahrungen von persönlichem Wachstum und Verbundenheit sowie Phasen der Besinnung, Ruhe und Entspannung entgegenzusetzen, dann steigt aufgrund des schleichenden Prozesses der (Selbst-)Entfremdung nicht nur die Stress-Spirale (mit all den negativen Konsequenzen für Gesundheit und Wohlbefinden) ins Unermessliche, sondern dann entfernen wir uns auch sukzessive von dem, was die menschliche Existenz wirklich ausmacht und worauf ein friedliches Miteinander aufbaut – dann laufen wir Gefahr, wortwörtlich unser Selbst-Bewusstsein, unseren Selbst-Wert und unsere Fähigkeit zu Mitgefühl zu verlieren, mit dem Ergebnis, unser Dasein in einer hohlen, weil sinn-entleerten und emotionslosen Masse fremdbestimmter, unglücklicher Einzelkämpfer fristen zu müssen.

 

Doch so weit muss es nicht kommen.

 

Wir haben es selbst in der Hand (sowohl auf individueller als auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene), diese Krise von uns abzuwenden, wenn wir die Veränderungen unserer heutigen Zeit als Chance zum konsequenten Umdenken und verantwortungsbewussten Handeln begreifen.

Wir können das Gleichgewicht von äußerem und innerem Wachstum wiederherstellen, indem wir neugierig und mutig genug sind, unsere Komfortzone zu verlassen und unsere automatisierten Denk- und Verhaltensweisen zu erforschen und zu hinterfragen.

Es ist notwendig, dass wir unsere Blickrichtung ändern und das Augenmerk wieder vermehrt auf unser Innenleben richten, auf die kreativen Potenziale, die in uns schlummern.

Durch das Entdecken und Nutzen der uns innewohnenden Ressourcen findet jeder für sich einen Weg, mit den Herausforderungen einer sich stetig wandelnden Welt angemessen umzugehen und daran zu wachsen. Auf diese Weise wird es uns auch im Miteinander möglich, eine neue Beziehungskultur aufzubauen, die geprägt ist von Kooperationsbereitschaft, Mitgefühl, Respekt und Toleranz.

Als notwendige, weil kompensatorische Ergänzung zur Außen-Welt oder zum Außer-sich-Sein, kommt also nur der Gegenpol infrage: die Innen-Welt, das Bei-sich-Sein, bei dem die Wahrnehmung des Körpers untrennbar mit der Schulung des Geistes verbunden ist.

Je mehr wir es erlauben und je öfter wir uns Zeit dafür nehmen, mit uns selbst in Kontakt zu sein und uns besser kennenzulernen, desto intensiver können wir innere Veränderungsprozesse anstoßen, die sich positiv auf unser eigenes objektives Verhalten auswirken.

Als soziale, kreative Wesen teilen wir alle die Sehnsucht nach einem glücklichen Leben – wir alle sind unvollkommene Wesen und streben zeitlebens nach Vollkommenheit, bestehend aus dem optimalen Verhältnis der Erfahrung von Verbundenheit (Zugehörigkeitsgefühl, Geborgenheit) einerseits und der Erfahrung von Freiheit (Unabhängigkeit, persönliches Wachstum, Individualität) andererseits. Tief im Innern hat jeder Mensch eine Art Instinkt bzw. Intuition für das, was er braucht, um zufrieden (in Frieden) zu sein. Im Grunde ist es ein tief menschliches Bedürfnis, sein Leben mit dieser Sehnsucht in Einklang zu bringen – resultierend aus der leisen Ahnung, dass jede Einseitigkeit letztendlich in eine Sackgasse führt.

 

Doch gegenwärtig fehlt immer mehr Menschen diese innere Balance – sie sind unausgeglichen und fühlen sich wegen der jahrzehntelangen Ausrichtung auf nur einen Pol der Realität den täglichen Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht mehr gewachsen (was die rasante Zunahme der Erkrankungen, die durch Stress und psychische Belastungen im Alltagsleben verursacht werden, zeigt). Weil sie aufgrund der Reizüberflutung und Hektik unserer Konsum- und Leistungsgesellschaft nicht hinreichend zur Ruhe kommen und hauptsächlich auf der Grundlage ihres Verstandes und ihrer Logik handeln, verlieren die Menschen allmählich den Zugang zu ihren Gefühlen, zu ihrer Kreativität, zu ihrer Vorstellungskraft und zu ihrem intuitiven Wissen – und damit auch zu ihren ganz persönlichen Kraftquellen.

Sie haben verlernt, ihre innere Stimme wahrzunehmen und ihr zu vertrauen. Um die Fähigkeit zur Introspektion und zum intuitiven, selbstbestimmten sowie lösungsorientierten Handeln zu stärken, bedarf es der bewussten Entscheidung, die Aufmerksamkeit regelmäßig nach innen zu richten und Phasen der Stille und Kontemplation als festen Bestandteil in den Alltag zu integrieren. Die achtsame Haltung hilft uns, unserer vernachlässigten inneren Stimme und unserer emotionalen Intelligenz wieder mehr Beachtung und Vertrauen zu schenken.

Übungen zur Entwicklung von Achtsamkeit, die auf der Wechselwirkung zwischen Körper und Geist beruhen, fördern das gleichberechtigte Zusammenwirken von Verstand und Intuition, von analytischem Denken und körperlich-emotionalem Erleben: So können wir herausfordernden Situationen mit mehr Gelassenheit begegnen und uns wieder auf das besinnen, was das Menschliche in uns ausmacht, was unsere Beziehung zum Leben selbst verstärkt und was uns daher alle miteinander verbindet – unser (kollektives) Bewusst-Sein und das Erleben eines ausgeglichenen, erfüllten, wahrhaft glücklichen Daseins.

Es ist also eine zwangsläufige Folge unseres modernen Lebensstils, eine große Herausforderung, aber auch – hinsichtlich gesamtgesellschaftlicher Umbrüche – unsere einzige Chance, über uns selbst hinauszuwachsen. Mehr denn je dürfen wir jetzt lernen, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten und angemessen mit diesen Erkenntnissen umzugehen. Denn unser gesamtgesellschaftliches Wohlbefinden hängt vom Einzelnen ab.

 

Erst wenn wir damit anfangen, unser Inneres, das, was uns ausmacht, zu be-achten, uns selbst anzunehmen, mit all unseren Stärken und Schwächen – erst dann finden wir unsere eigene Zufriedenheit.

 

Und diese persönliche ZuFRIEDENheit, auf der Basis von Achtsamkeit, Selbstfürsorge und Mitgefühl, zieht große Kreise und hat die Kraft, unser Zusammenleben, unsere Beziehungen, menschlicher und LIEBE-voller zu gestalten. 

 

Die Zeit für Achtsamkeit ist jetzt – nutzen wir sie!

 

 

 

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Das Verhängnis unserer Kultur ist,

dass sie sich materiell viel stärker entwickelt hat als geistig.

Ihr Gleichgewicht ist gestört.

(Albert Schweitzer)

 

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